Ela Hautnah, Kurzgeschichten

Eine kleine Wintergeschichte – Flockentanz

3. März 2017

Ich war mal wieder ein wenig fleißig und habe diesmal meinen PC entrümpelt. Und dabei bin ich über diese Kurzgeschichte gestolpert. Ich weiß, der Winter ist beinahe vorbei, aber ich finde sie so schön, dass ich sie euch einfach zeigen muss!Entstanden ist sie für einen Wettbewerb, an dem ich vor zwei Jahren einmal teilgenommen habe.
Danach geriet sie für mich leider in Vergessenheit – bis jetzt! :D

Ich wünsche euch jetzt ganz viel Spaß mit ihr und würde mich wie immer
über eure Meinung oder einfach einen lieben Kommentar meeeeeega freuen ^_^

Flockentanz

An dem alten Sprossenfenster, dessen blauer Lack schon abblätterte, fielen die ersten Schneeflocken vorbei, bedeckten das hölzerne Fensterbrett mit einem zarten Film, aber nicht für lange. Für sie war es noch nicht so weit – sanft löste sich das filigrane Kristallgitter auf, bis nur noch ein nasser Fleck zurückblieb.
Aber bald, bald konnten ihre Geschwister ungestört verweilen, kleine Gebilde formen und zusammen mit dem Frost Blumen an die Fensterscheiben und in die unbewohnten Spinnenweben malen.

Sie sah hoch in den nächtlichen, beinahe weiß-wirkenden Himmel.
Wie die Reise des Schnees wohl beginnen mochte?
Waren vielleicht kleine Himmelswesen dafür verantwortlich, die winzige gefrorene Wassertropfen sammelten, zu diesen grazilen Kunstwerken gestalteten und dann auf die Reise zur Erde schickten?
Oder gab es dort oben in den Wolken einen Ball der Wasserkristalle,
die sich erst gegenseitig neugierig umtanzten, sich mal an den Händen hielten,
aber wieder voneinander lösten und einen neuen Partner suchten,
um sich dann erneut der vorherigen Gemeinschaft anzuschließen?
Bei dem Gedanken breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

Wie gern wollte sie mit ihnen dort oben tanzen, beleuchtet vom Licht der Sterne
und begleitet von der Musik des Nordwinds! 

Der Ruf ihrer Mutter, dass das Abendessen fertig sei und sie doch bitte kommen möge,
klang wie aus weiter Ferne und verhallte schnell und sanft im Flur.
Hatte sie ihn wirklich gehört?
Sich nicht weiter darum kümmernd, wandte sie den Blick wieder nach draußen.
Aus dem zarten Rieseln war dichter Schneefall geworden.
Dicke, pralle Flocken verhüllten den Garten, gleich einer wärmenden Daunenfedernschicht,
gaben ihm einen Hauch des Geheimnisvollen.
Die Straßenlaterne am anderen Ende des Gartens beleuchtete das heitere Treiben, brachte den Schnee zum Glitzern.
Dicht an dicht drängten sich nun die watteartigen Gebilde auf dem Fensterbrett,
konnten sogar längere Zeit auf jenem verweilen, bevor die kristalline Struktur auseinanderbrach.
Eine besonders große Flocke blieb auf einer der Sprossen des Fensters liegen,
offenbarte seine grazile Gestalt aus unzähligen, ineinander verwobenen Ärmchen,
die sich im Zentrum des Gebildes die Hand gaben.
Sobald sie ihr Gesicht jedoch dichter an das Fenster schob,
um das kleine Kunstwerk genauer bewundern zu können,
schmolz die Figur durch ihren das Glas wärmenden Atem.

Ihre Gedanken kehrten zurück zum Ball der Eiskristalle, hoch oben in den Wolkenpalästen,
zurück zu den Tanzenden, die sich zu größeren Gruppen zusammenschlossen,
immer schneller umeinander wirbelten und die wenigen Alleinstehenden am Rande der Tanzfläche mit sich zogen. Das Parkett konnte die Menge gar nicht mehr in seiner Gesamtheit fassen, sodass die wirbelnde Gesellschaft sich in die kalte Nacht wagte, um dort ihren Tanz abseits der schützenden Wolken weiterzuführen.

Ganz verträumt stützte sie das Gesicht auf die Hände, wobei ihre Nasenspitze eine der alten Sprossenstreben berührte.
Ihr Atem beschlug die Fensterscheibe, aber sie schaute nicht wirklich hinaus, vor ihren Augen wirbelten die Flocken wild am nächtlichen Himmel und begaben sich auf die Reise Richtung Erde, fort aus den Wolkenpalästen und begleitet von vielen anderen Tanzgesellschaften aus benachbarten Wolkenpalästen.

Das Knarzen der Tür hörte sie nicht und erst, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte, schreckte sie aus ihrem Tagtraum.
„Schaust du dem Schnee zu?“, fragte ihre Mutter lächelnd und strich ihr zärtlich durch die strubbeligen Haare. Unbeirrt betrachtete sie weiterhin die weiße Welt vor dem Fenster, legte aber ihre kleine Hand auf die ihrer Mutter.
„Stimmt es, dass er in den Wolken entsteht?“
„Ja“, antwortete ihre Mutter leise.
„Und dass sich die Flocken im Tanz finden?“
„Vielleicht … . Komm, das Essen wird kalt“, sagte ihre Mutter freundlich und zog sie behutsam von ihrem Beobachtungsplatz vor dem Fensterbrett fort.
Einen letzten Blick auf die Schneekristalle werfend, folgte sie schließlich ihrer Mutter.
„Ich werde gleich nach dem Essen mit ihnen draußen tanzen“, sagte sie ernst und schloss die Tür.

Ein besonders großer und schöner Schneekristall verfing sich in einem alten Spinnennetz an der linken Ecke des Sprossenfensters und wurde sanft vom Wind hin und her geschaukelt, nur darauf wartend, dass neugierige Augen ihm bei seinem Ballett zusahen.

Das Titel-Bild habe ich im Februar aufgenommen und gehofft, dass weiterefolgen würden.
Aber der Frost wollte danach nicht mehr recht kommen ;-)
Jetzt muss ich wohl bis zum Winter warten, ehe ich euch die Eisblumenbilder zeigen kann …
Oder wollt ihr sie bald schon sehen?

Bis ganz bald wieder!!

Eure Ela

 

Merken

Das wird Dich auch interessieren:

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Nachricht

Diese Seite benutzt Cookies. Beim weiteren Besuch stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um Ihnen das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen